Region Boysun – Immaterielles Weltkulturerbe

Vier erlebnisreiche Tage verbringe ich in dieser landschaftlich wie kulturell hochinteressanten Region. Mit dem Nachtzug Tashkent – Termez fahre ich direkt ohne Umstieg bis ins Dorf Derbent.  Sobir Turdikulov vom Gästehaus „Sitorai Darband“ – „Sterne von Derbent“ – holt mich am Bahnhof ab. Nachdem ich mich kurz im gut ausgestatteten Gästehaus ausgeruht und das ausgiebige Frühstück genossen habe, fahren wir in die Kreisstadt Boysun zu Nazokat Sobirova. Die erst IMG_797522jährige Frau leistet einen wichtigen Beitrag dazu, die uralte Webkunst der Region unverfälscht zu erhalten. Sie geht von Dorf zu Dorf und besucht dort alte Weberinnen, um von ihnen die tradierten Muster und Motive, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, zu erlernen. 42 an der Zahl hat Nazokat auf diese Art und Weise schon vor dem Vergessen gerettet. Sie unterrichtet auch und gibt dieses Wissen so an ihre Schülerinnen weiter. Uns zeigt sie ihre beeindruckenden handgewebten Stoffe und die Produkte wie z.B. Taschen, die sie daraus herstellt. Das Haus, in dem Nazokat lebt, ist ein sehr schönes Boysuner Haus in einer traditionellen Mahalla (Wohnviertel). Im Hof neben dem Tapchan (traditionelles zentralasiatisches Sitzbett, das in keinem Hof fehlen darf) steht einer von Nazokats Webstühlen. Verschiedene Stofftypen werden auf unterschiedlichen Webstühlen gefertigt. Lesen Sie demnächst mehr darüber sowie über Nazokat und ihre Arbeit auf www.kulteurasia.org.

Am zweiten Tag hier in Derbent besuche ich am Morgen kurz die Nachbarinnen des Gästehauses. Die drei älteren Damen weben auch – und zwar auf dem traditionellen langen, flach am Boden stehenden Webstuhl. Viele Familien hier weben noch selber zuhause die Stoffe für den Eigenbedarf.

Danach habe ich die einmalige Gelegenheit, beim spätsommerlichen Waschen der Schafe dabei zu sein. Die Schafe werden zweimal im Jahr gründlich gewaschen. Einmal Anfang Juni bevor sie gechoren werden und dann ein zweites Mal bevor der Herbst kommt. Es ist ein aufwendiges Unterfangen, das den ganzen Tag in Anspruch nimmt. Zuerst werden die Schafe von ihren Weideflächen auf dem Berg herunter ins Tal zum Fluss getrieben. Dort wird jedes Tier einzeln gründlich gewaschen.  Für die Besitzer der Schafe ist es schon eine Herausforderung, die eigenen Tiere in der großen Herde zu erkennen, um sie im Fluss waschen gehen zu können. Wenn alle Tiere sauber sind, werden sie wieder auf den Berg zurückgetrieben.

Im Gästehaus, das über einen wunderschönen großen Garten mit mehreren traditionellen Sitzbetten (Tapchan) sowie einen traditionellen Lehmofen (Tandir) verfügt, kocht die Familie am Abend Tandirfleisch.

Wie der Name schon sagt, im Tandir auf traditionelle Weise langsam gegartes (Schaf)fleisch. Dazu wird das gewürzte Fleisch an einem Gestell in den mit offenem Feuer bereits vorgeheizten Ofen gehängt. Die Ofenöffnungen werden mit einem großen Kessel und Lehm verschlossen und erst nachdem das Fleisch gar ist wieder geöffnet.

Wie diese traditionellen Öfen hergestellt werden, kann ich auch miterleben. Sobir Turdikulov bringt mich zu einer der Familien, die hier Tandir produzieren. Zuerst wird ein Loch in der passenden Größe aus dem Boden ausgehoben und das Hauptausgangsmaterial, je fünf Eimer roter und weißer Lehm pro Ofen aus den Bergen geholt. Dieser wird mit Ziegenwolle vermischt. Dies geschieht durch Stampfen mit den bloßen Füßen. Es wird gestampft, dann muss das Gemisch zwei Stunden ruhen und so geht es zwei Tage lang. Dann wird es in das bereits vorbereitete Loch gegeben und der Tandir geformt. Nachdem der Lehm zwei Tage lang getrocknet ist, greifen vier Personen mit den Händen nach dem Rand und heben den fertigen Ofen heraus, der jetzt noch weitere zwei Tage in der Sonne trocken muss.

Obwohl die Zimmer im Gästehaus komfortabel sind, nutze ich die IMG_8412Gelegenheit auf einem Tapchan im Freien zu schlafen und genieße es, nach einem erfrischenden, tiefen Schlaf in der reinen Bergluft morgens ganz erholt aufzuwachen.

Morgen geht es weiter nach Samarkand. Doch vorher hatte ich bei einem Abendspaziergang heute noch die Gelegenheit, zwei noch in Betrieb befindliche Getreidemühlen im Dorf zu besuchen.

IMG_8731Herzlichen Dank an Husniddin Ato für die Vermittlung des Kontakts zu Nazokat, an die Usbekisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft in Tashkent für den Kontakt zum Gästehaus Sitorai Darband und ein ganz großes Dankeschön an Sobir Turdikulov für all die Informationen und wunderbaren Momente, die ich hier in Derbent/Boysun erleben durfte!

Ein Kommentar zu „Region Boysun – Immaterielles Weltkulturerbe

  1. Liebe Daniela, ein toller Beitrag, der deiner Erfahrungen und Eindrücke wunderbar wiedergibt!

    Möchtest du einige Bilder in der Usbekistan-Galerie veröffentlich? … dort gibt es bereits ein begonnenes Album von Dir!

    Lg, herzlichst GERHARD

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